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Seit dem Mittelalter Recht und Pflicht!

Flurbegehungen, auch ein früherer Brauch in Oberpöllnitz

Die Ortsgrenzen und Flureinteilungen sind altehrwürdige Übernahmen, die sich aus dem Mittelalter fast unverändert bis heute erhalten haben. Mit dem alten Wegenetz sind sie die einzigen sichtbaren Zeugen aus der Zeit der deutschen Kolonisation die fast unverändert bis in unsere Zeit gekommen sind. Als das Gebiet östlich der Saale und Elbe mit deutschen Bauern besiedelt wurde, erhielt jedes neue Dorf seine Ortsmark zugemessen. Innerhalb dieser festgelegten Grenzen wurde die Mark in Flure unterteilt und diese wiederum in Äcker und Wiesen und den Bauern zur Bewirtschaftung übergeben. Die Oberpöllnitzer Mark ist in 6 Flure eingeteilt. In den alten deutschen Dorfgemeinschaften gab es verschiedene Bräuche hinsichtlich des Rechtsgebrauchs über Mark, Flur, Gemeine und Grenzsteine. Innerhalb solch einer Dorfschaft war der Grund und Boden in der Hand der freien Grundbesitzer, die entweder im Dorf zusammen oder in Einzelhöfen wohnten. Außer diesem festen Eigenbesitz, bestehend aus Haus und Hof, Obstgärten, darum liegenden Wiesen und ihrem Ackerland, hatten sie noch einen gemeinsamen Besitz, die Gemeine und die allgemeine Flurmark, bestehend aus Wald, Gewässer, brachliegende Wiesen, Viehtriften u.a.m. Die freien Grundeigentümer bildeten innerhalb einer Mark eine sogenannte Genossenschaft oder auch Nachbarschaft. Diese Nachbarn besaßen für die Grenzangelegenheiten eine Gerichtsbarkeit, sogenannte Feldgerichte, die sich mit Grenzstreitigkeiten und Felddiebereien befassten. Vertrauenswerte Personen wurden eigens dazu als Feldgeschworene von der Nachbarschaft berufen und vereidigt. Um sich von diesen Wissenden über die Richtigkeit des Grenzverlaufes und deren Zeichen zu überzeugen, hielt man in gewissen Zeiträumen, meist alle 5 Jahre, Grenzbegehungen ab, die man heute noch als Umgang, Markengang oder Flurumritt in verschiedenen Gegenden kennt. Grenzbegehungen konnten aber auch aus Anlass von Grundstücksübertragungen sowie bei Grenzstreitigkeiten ausgeführt werden. Der normale Umgang erfolgte vor allem aber auch deshalb, weil es für nötig gehalten wurde, den Lebenden den Verlauf der Grenze ihrer Mark oder Flur besonders fest ins Gedächtnis einzuprägen. Meist waren diese Flurbegehungen mit kirchlichen Zeremonien verbunden. Flurumgänge waren Pflichtveranstaltungen für die Grundbesitzer.
Das Setzen von neuen Grenzsteinen war ebenfalls mehr oder weniger mit feierlichen Handlungen verbunden. Die Feldgeschworenen versahen die Steine mit geheimen Zeichen oder Unterlagen und oftmals segnete oder besprengte der Pfarrer mit Weihwasser diesen neuen Stein. Bei solchen Neusetzungen und auch bei den Umgängen spielten die Bräuche zur Erhaltung des Andenkens an die Grenze und ihre Richtigkeit eine große Rolle. Vor allem war die Mitnahme der Jugend von großer Bedeutung, denn sie ist es ja, die die festen Marken im Gedächtnis bewahren und auf die späteren Generationen vermitteln soll. Meist waren sie sogar die Hauptpersonen bei diesen Handlungen und die Älteren erzählten ihnen allerlei Geschichten oder Sagen von früheren Begebenheiten. Sehr gerne wurde erzählt über Grenzstreitigkeiten, Grenzfrevel, Grenzstein-Verrücken oder Bestrafungen. Vergehen, die in der Vergangenheit oft sehr hart geahndet wurden.
An den besonders strittigen Flurpunkten oder viel umstrittenen Stellen wurden immer wieder die Rechtsverhältnisse klar gemacht. Man machte dort besonders Halt und stärkte den Anwesenden das Gedächtnis durch eine ernste Handlung oder aber auch durch scherzhafte Einlagen. Oft beschenkte der Gemeindevorsteher (Bürgermeister) oder ein Feldgeschworener die Jugend mit Süßigkeiten oder man aß Kuchen oder man veranstaltete allerlei Spiele. Schießen, Trommeln, Pfeifen, Wettlaufen, Singen, also viel Lärm beim Flurumgang, war überall und zu allen Zeiten üblich und bezweckte die Vertreibung der bösen Geister und schädlichen Dämonen, die der Flur Schaden bringen könnten. Oft war es auch üblich, die Nachbargemeinde zu einem Fest der Grenzsteine und Grenzen einzuladen. Das waren in der Regel fröhliche Feste. Man beging die gemeinsame Grenze und bezeugte durch ein gemeinsames Mahl und Singen die friedliche Grenzgemeinschaft.
Der letzte mir bekannte Flurumgang in Oberpöllnitz fand 1922 statt.

Wolfgang Schuster, Triptis/Oberpöllnitz 6/2008