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Neue Überlegungen zum Verlauf der Ostgrenze.
Der Orlagau im Land Thüringen und seine umstrittene Ostgrenze - Teil I.

Eine Grenzbeschreibung für den Ostsektor des »Pagus Orla«
In zahlreichen historischen Publikationen werden die Begriffe »Pagus Orla«, »Orlagau«, »Land Orla« oder »terra Orla« für unsere Landschaftsregion im weiteren Umfeld von Saalfeld bis Triptis in Ostthüringen benutzt. Die somit bezeichnete Region gehörte seit der Ostexpansion der fränkischen Könige, und zwar schon zurzeit der Karolinger (751-911), sehr früh zur besonderen Interessenlage des fränkischen Königshauses und gelangte auch bald unter militärische, weltliche und geistliche Kontrolle und Verwaltung. Das Land Orla wurde Reichsterritorium und Saalfeld, Erstnennung 899, bekam in ottonischer Zeit (919-1014) eine Königspfalz. Diese avancierte mit zu einem bevorzugten Hausbesitz der Sachsenkaiser und es entwickelte sich der Orlagau, ein landesherrlicher Verwaltungs- und Gerichtsbezirk besonderer territorialer Prägung. Die kleinteiligen Gaue der Sorben und Wenden gelten als die ältesten verwaltungspolitischen Gliederungen der slawisch besiedelten Ostgebiete. Mit dieser weltlichen Besitznahme erfolgte auch die christliche Missionierung. Die Kirche übte im Auftrag des Erzbistum Mainz und ab 1056 gemeinsam mit dem Erzstift Köln einen entscheidenden Einfluss aus. Das Kloster in Saalfeld mit seinen Urpfarreien organisierte das geistliche Leben und kam für Predigt und Seelsorge auf. Nur dadurch ist es zu verstehen, warum der strategisch attraktiv liegende Orlagau stets unter Mainzer Oberhoheit verblieb, denn die kirchlichen Einflusssphären haben sich im Land Orla sehr früh stabilisiert und machtbewusst gefestigt. Ein Grund weshalb das Bistum Zeitz, ab 1028 Bistum Naumburg, von Kaiser Otto I., der Große (Ks.962-973), im Jahr 968 gegründet, nicht den Orlagau vereinnahmen konnte. Die kirchliche Inbesitznahme im sogenannten Burgbezirk der Reichsburg Saalfeld »provincia Salaveld« war erfolgt und die beiden Erzbischöfe besaßen als ranghohe Fürstbischöfe die gesicherte Machtfülle, dass deren Territorialansprüche unter einer gewissen Immunität standen und respektiert werden mussten. In dieser Periode der Landbesitznahme gehörte der Orlagau nicht zu Thüringen und nicht zum slawisch dominierenden »Osterland«. Daraus resultierend ergaben sich allerdings auch „Vorteile" in der strukturellen territorialen Entwicklung.

Frau Dr. Petra Weigel: „Der Orlagau profitierte davon, dass er ab dem 11. Jahrhundert über Saalfeld an die Kölner Erzbischöfe und damit an den fortschrittlichen Westen des Heiligen Römischen Reiches gebunden war. Die Herren vom Rhein bauten ihren fernen Besitz konsequent aus, wirtschaftlich, verwaltungstechnisch und in einem heidnischen Umfeld auch religiös, wofür das Benediktinerkloster in Saalfeld steht. Das überlieferte Saalfelder Hof- u. Dienstrecht zeigt ein Miteinander auf zwischen Slawen und Deutschen und in den Strafverfügungen ist ablesbar, dass auch slawische Bedienstete besondere Stellungen, Rechte und Aufgaben besaßen.“ [1]

Diese Besonderheiten fußten auf ältere erhaltene Rechte, denn verwaltungstechnisch streng organisiert wurde der Pagus Orla schon von den Besitzvorgängern, dem Pfalzgrafen Ezzo v. Lothringen ( 1034 in Saalfeld), seinem Sohn Pfalzgraf Otto ( 1047) und nach diesem von Ezzos Tochter, der polnischen Königin Richeza ( 1063 in Saalfeld). Pfalzgraf Ezzo erhielt vom ostfränkischen König Heinrich II. (973-1024) im Jahr 1013 u.a. auch das Land Orla geschenkt. Mit dieser Übergabe entwickelte das Gebiet schon damals ein eigenständiges Profil, ein fortgeschritteneres westfränkisches Staatsgebilde mit territorialer Abgrenzung.
Welches konkrete Territorium umfasste nun aber der Orlagau? Eine 1. Grenzbeschreibung stammt aus dem Jahr 1071/72, als Anno II. Erzbischof von Köln (1010-1075) in einer Schenkungsurkunde an das Saalfelder Kloster dieses Gebiet beschreiben lässt. Jedoch sind von den angegebenen Orten mehrere nicht oder nur unsicher bestimmbar. Namhafte Historiker haben sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder mit dieser Grenzbeschreibung auseinandergesetzt und auch neue Erkenntnisse durch das Auffinden weiterer Urkunden und Belege gewonnen, doch noch immer gibt es Unsicherheiten in konkreten örtlichen Verläufen. Für den Ostsektor, in deren Bereich die Pöllnitz-Familien die ursprünglich umfangreichsten Besitzungen innehatten, sind einige Grenzpunkte in der Urkunde genannt. So z.B. im nordöstlichen Abschnitt »Rapoteneich« = Rappelsteich(?), »Stanowe« = der Ort Stanau(?), »Strestul« = der Ort Strößwitz(?). An der Ostgrenze »Byrchenheyde« = der Forst »Birkert«(?) und »Strosowe« sowie »Dobrawicz« sind völlig unklar. Im südöstlichen Abschnitt gibt es »Mezschawe« = der Ort Muntscha(?) und die unklaren Begriffe »Bezede«, »primum Bastimiz«, »Goztima« und »Iezowa«. Strittig sind also noch immer diese bisher gebräuchlichen Standorterklärungen. Deshalb meine Fragezeichen. Seit Jahren bin ich bemüht, durch Flurbegehungen und Studien der Katasterangaben diese Ortsbenennungen lokalisieren zu wollen, da die momentan gängigen Erklärungen in der Mehrzahl auf Siedlungen bezogen nicht ganz schlüssig erscheinen. Auch Oswald Jannermann (Literaturangabe Teil II.) weist darauf hin, dass slawische Ortsnamen in der überwiegenden Mehrzahl mittels geografisch-topografischer Bezugspunkte gebildet wurden.
Bezugspunkt dieser folgenden Grenzbeschreibung ist das Faktum, das ich die jeweilige Dorfflur, die Gemarkung, in den Markierungsverlauf auf meiner topografischen Kartenmontage mit einbeziehe. Die Dorfflur gehört mit zu der Ortschaft, zu dem jeweiligen Pfarrbereich und damit zum Erzbistum. Charakteristisch bei der Nennung der Grenzpunkte ist, dass diese nach meiner Auffassung in der Regel an den Umlenkpunkten der Verlaufsrichtung liegen und in diesem Umfeld Befestigungen, Wüstungen oder Vorwerke zu finden sind. Möglicherweise als feste Orte bzw. Sitze deutscher, slawischer oder ministerialer „Verwalter" mit Benefizium entstanden, für die koloniale Sicherung des Landes Orla. Da eine Besiedlung in abgelegenen Waldgebieten teilweise schon möglich war, zum Teil auch nachgewiesen ist (Hummelshain, Stanau, Burkersdorf), aber doch sehr unbedeutend und selten vor lag, muss man davon ausgehen, dass mit den genannten Grenznamen zum großen Teil wohl topografische Bezugspunkte oder Grenzmarken benannt wurden. Die zur Verfügung stehende Urkunde ist nur eine Kopie aus dem 15. Jahrhundert, d.h. man kann durchaus auch auf eine Verderbung der Begriffe durch den Schreiber in Betracht ziehen. [2] Das kann nicht verwundern, denn ein Schreiber der Urkunde in Köln wird schwerlich eigene Kenntnisse und Namen im weit entfernten Orlagau besessen haben. Er war also auf eine Zuarbeit über Ortsangaben und Benennungen auf andere Personen angewiesen. Und diese Angaben haben sich im Laufe der Jahrhunderte geändert, auch verändert oder wurden „verdeutscht". Wir können auch davon ausgehen, dass diese Grenze örtlich durch weitere Kennungen deutlich gemacht wurde. Das konnten markante Bäume oder Grenzpfähle sein, sogenannte Lachbäume bzw. Lachsäulen, Steinaufschüttungen, Grenzsteine oder andere bestimmende natürliche Besonderheiten. Nicht immer wurden Grenzsäulen gesetzt. Oftmals wurden auch Grenz- oder Lachzeichen an Bäumen eingeschnitzt, das heißt, sie wurden „gemarket". Ob diese Grenze über Jahrhunderte gleich geblieben ist oder sich in verschiedenen Bereichen geringfügig verschoben hat, ist im Wesentlichen geklärt. Der Kirchenhistoriker Rudolph Herrmann [3] hat in den 1930 Jahren auf der Grundlage seiner Forschungen die Erkenntnis erlangt, dass sich der Verlauf der damaligen Grenzbeschreibung weitestgehend mit den Diözesangrenzen der angrenzenden Bistümer Naumburg und Bamberg deckt. Dieser Fakt bestätigt sich auch bei Prof. Dr. Enno Bünz in seiner Veröffentlichung. [4] Natürlich wird es Verschiebungen kleiner Art gegeben haben. Flächen- oder Flurvereinnahmungen, siehe »Neue Abtei« sö. Hummelshain, Wüstung im »Schallholz« sö. Wenigenauma, Wüstung »Bloto« nö. Plothen, doch waren das im Großen und Ganzen unbedeutende Veränderungen.
Die vorliegende Arbeit will in ihrer teils hypothetischen Aussage zu neuen Überlegungen anregen und bezieht die Ortsflur in den Grenzverlauf ein. Natürlich erwarte ich nicht, dass meine Darlegungen von jedermann akzeptiert werden. Doch wäre es wunderbar, wenn neue Aktivitäten ausgelöst würden im Hinblick der noch immer umstrittenen Thematik.

Anekdote:
„Sprachliche Veränderungen haben zweifellos bei der Entstehung des Namens ebenso mitgespielt wie das Gehör des Schreibers, der den Namen erstmalig urkundlich eintrug. Wie wichtig das ausgesprochene Wort früher war, beweist die alte Benneckensteiner Scherzfrage: Wie weit reicht der Nebel? Antwort: Bis Hohegeiß, dort heißt er Nabbel.“ von Bernd Wolff
Quelle: Neue Wernigeröder Zeitung 12.11.2008

Literatur:
1) Weigel, Petra „Der Orlagau im Mittelalter - ein Beispiel der Integration“, Referat am 8.06.2007, gehalten in Neustadt an der Orla.
2) Vgl. Werner, Gerhard „Zur Grenzbeschreibung des Orlagaues aus dem 11. Jahrhundert“ und außerdem: Hengst, Karlheinz „Zur Frühgeschichte des Orla-Gaues aus sprachhistorischer Sicht“. Beide Beiträge in „Der Orlagau im Frühen und Hohen Mittelalter“, hrsg. von Peter Sachenbacher u. Hans Jürgen Beier, Langenweissbach 2007
3) Vgl. Hermann, Rudolph „Die mittelalterlichen Bistumsgrenzen im reußischen Oberland und ihr Verhältnis zu den alten politischen Grenzen“, Historisches Seminar der Uni Jena, 1934
4) Vgl. Bünz, Enno „Die mittelalterliche Kirchenorganisation im Orlagau“, in „Der Orlagau im Frühen und Hohen Mittelalter“, hrsg. von Peter Sachenbacher u. Hans Jürgen Beier, Langenweissbach 2007
Allgemein:
- „Die Kirchenorganisation in den Bistümern Meißen, Merseburg und Naumburg um 1500“, Blaschke, Haupt, Wiessner, Verlag H. Böhlaus Nachfolger, Weimar 1969
- „Das Bistum Naumburg“ …. und seine Grenze zum Orlagau, in „Germania Sacra“ NF Bd. 35/1, S116, bearb. von Heinz Wiessner, Bln. 1997
- „Die deutschen Königspfalzen, Bd. 2 Thüringen ... Saalfeld", Michael Gockel, Göttingen 2000
- „Neustadt, Orlagau und Thüringen im 12./13. Jahrhundert“ von Matthias Werner in „Neustadt an der Orla - Vom Ursprung und Werden einer Stadt“, Hain-Verlag Rudolstadt-Jena, 2004
- „Archidiakonate und Sedes im mittleren Thüringen“ von Hans Eberhardt, 1989
- Weitere Literaturhinweise siehe Homepage-Hauptseite III.

Dank für Arbeitsunterstützung:
Für die Bereitstellung von Flurkarten, für die Unterstützung bei den Flurbegehungen, für Hinweise und Ortsinformationen danke ich allen mir behilflichen Personen in den Dörfern des Grenzbereiches. Ein ganz besonderer Dank für Beratung, Diskussion und Zuarbeit gilt den Hobbyhistorikern Kurt Häßner und Klaus Franke aus Weida.
Die Veröffentlichung der Kartenausschnitte erfolgt mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung des Landesamtes für Vermessung und Geoinformation. Dafür danke!
99086 Erfurt, Hohenwindenstraße 14, http://www.thueringen.de/de/tlvermgeo

Wolfgang Schuster, Triptis/Oberpöllnitz 5/2010, Neufassung 3/2013 - akt. 4/2017

Diese langjährige Arbeit ist nicht abgeschlossen. Ich bitte deshalb die sachkundigen Besucher dieser Webseite um weitere Informationen, Hinweise oder Berichtigungen. Bitte melden Sie sich über meine Telefonnummer. Kopien und Nachdrucke für kommerzielle Verwendungen sind ohne meine Erlaubnis nicht statthaft.

Der Orlagau in Thüringen

Entnommen aus:
Werner, Gerhard „Zur Grenzbeschreibung des Orlagaues aus dem 11. Jahrhundert“ in „Der Orlagau im Frühen und Hohen Mittelalter“, hrsg. von Peter Sachenbacher u. Hans Jürgen Beier, Langenweissbach 2007
Für meine Markierung des Ostsektors in dieser Karte bitte ich freundlichst um Verständnis.

Das Bild zeigt ein mögliches Muster einer Lachsäule (Grenzsäule) in Vorder- u. Seitenansicht.

Topografische Karten mit dem Grenzverlauf

Die in den Karten eingetragenen Grenznamen werden in der zugeordneten nächsten Webseite erklärt!

Der folgende Link zeigt eine topografische Kartenmontage mit dem eingezeichneten Grenzverlauf entsprechend der jeweiligen Gemarkungsgrenzen. Auf Grund der WEB-Komprimierung allerdings nur auf großem Bildschirm gut darstellbar.

0.5--orlagauostgrenze-a.jpg

0.5--orlagauostgrenze-b.jpg