Ein v. Pöllnitz als Ehebrecher am Merseburger Hof

Dargestellt im Begleitheft zur Sonderausstellung im Borlachmuseum Bad Dürenberg 2009 mit dem Titel „Adel in und um Bad Dürenberg“ von Rolf Walker.
Herr Walker, Historiker in Bad Dürenberg, hat mir freundlicherweise gestattet, einen von ihm verfassten historischen Beitrag zu nachfolgender Person auf meiner Homepage zu veröffentlichen. Dafür möchte ich mich recht herzlich im Namen der Leser bedanken.

Friedrich Carl v. Pöllnitz - der Merseburger Ehebrecher

Die folgende Geschichte handelt von einem Urenkel des Hans v. Pöllnitz, dem hochfürstlich sachsen-merseburger Oberhofmarschall Friedrich Carl v. Pöllnitz (1682-1760).

Einschub von Wolfgang Schuster:
Vorangestellt eine gekürzte Darstellung seiner Vorfahren. Sein Urgroßvater, der altenburgische Obersteuereinnehmer Hans v. Pöllnitz (1575-1646) auf Mosen b. Weida, war der Bruder des kurfürstlich-sächsischen Kanzlers Bernhard v. Pöllnitz (1569-1628) auf Schwarzbach, Oberpöllnitz, Goseck etc., dessen Lebensabfolge ich auf meiner Homepage schon dargestellt habe. Der Großvater war der sachsen-altenburgische Obersteuereinnehmer Hans Ludwig v. Pöllnitz (1612-1679) auf Mosen und später auf Röpsen b. Gera. Sein Vater war der kurfürstlich-sächsische Geheime Rat und Kanzler sowie Dompropst zu Naumburg, Ludwig Ernst v. Pöllnitz (1641-1695) auf Röpsen und Benndorf b. Frohburg. Die Mutter war Clara Sophie v. Bose (1655-1724).

Die fürstlichen Höfe in Sachsen und auch der kaiserliche Hof in Wien werden 1720 von einem einmaligen Skandal erschüttert. Ein Fall weiblichen Emanzipationsbestrebens und eiskalter Berechnung ging von einer jungen Fürstin aus. Es war wie ein gewaltiger Sturm, der von Merseburg ausging. Dagegen waren die vielen Liebschaften, die August der Starke hatte, nur ein leichtes Frühlingsgeplänkel. Nachdem sich der junge Prinz Moritz Wilhelm v. Sachsen-Merseburg (1688-1731) jahrelang fern von Merseburg herumgetrieben hatte, kam er frisch vermählt und nun endlich volljährig zurück in seine Residenz. Nach dem Abschluss einer entsprechenden Eheverabredung mit der Tochter des Nassauer Fürsten Georg August Samuel heiratete Herzog Moritz Wilhelm 1711 die junge Prinzessin Henriette Charlotte v. Nassau-Idstein (1693-1731). Wie freute sich, wie jubelte Merseburg, als das junge Paar in Merseburg einzog. Die Eheberedung enthielt Festlegungen über den Brautschatz von 20 000 Gulden, den die junge Braut mitbrachte, aber auch über die Morgengabe, die Moritz Wilhelm seiner Frau nach dem „Beylager“ zu übergeben hatte. Es war ein Rittergut mit seinen Erträgen bei Zörbig. Doch auf den zu erwartenden Nachfolger schaute man in Merseburg vergebens aus. Sicher gab es Probleme mit dem Regierenden in Merseburg, weshalb eine Verwaltungsreform in Merseburg und in der Niederlausitz durchgeführt wurde, die eine Kontrasignatur verlangte. Das war ganz einfach eine Verordnung, die festlegte, dass Erlasse des Herzogs immer von der Regierung gegengezeichnet werden müssen. Denn die Satireschrift der Studenten, der „Sächsische Patriot", „welcher aus den bewährtesten Nachrichten der studierenden Jugend die Politische Historie seines Vaterlandes in möglichster Kürze aufrichtig erzehlet," schreibt 1771 über Herzog Moritz Wilhelm ebenso offenherzig: „Er war etwas blödsinnig und konnte an den Regierungsgeschäften wenig Theil nehmen."
Als das junge Paar in Delitzsch residierte, bewarb sich der Friedrich Carl von Pöllnitz um die Stelle des Oberhofmarschalls. Das war recht einfach, denn Kanzler in Sachsen-Merseburg war Christian Friedrich von Brand auf Gleina, der genau wie vorher sein Großvater mit einer v. Pöllnitz verheiratet war. Im Jahre 1718 verstarb plötzlich der Onkel Herzog Moritz Wilhelm von Sachsen-Zeitz und das ganze Herzogtum fiel an den Kurfürsten August den Starken zurück. Nach acht Jahren der Ehe wurde es deshalb auch in Merseburg endlich Zeit, die Nachfolge zu sichern. Von Moritz Wilhelm war wohl nicht viel zu erwarten, also musste ein anderer das Land retten. Ein Kammerdiener des Hofes berichtete, dass „Moritz Wilhelm unterdessen in seiner Kammer völlig leblos auf seinem Bette liegt und schnarcht, daß man ihn über Berg und Thal tragen könnte." Währenddessen konnte der Oberhofmarschall v. Pöllnitz „aus seiner Cammer gantz commode in der Madame Cammer" kommen und dort „spielen sie miteinander!" Da die Sache anscheinend noch zu unbequem war, gingen sie auf das Rittergut nach Ermlitz b. Schkopau. Die Mutter des v. Pöllnitz war eine Geborene v. Bose und der kurfürstlich-sächsische Landkammerrat und Stiftsdirektor Carl Ludwig v. Bose (geb. 1683) besaß das Gut 1718 - 1720.
Im südlichen Seitenschiff des Merseburger Doms hängt ein Epitaph mit dem Bild des „Edlen Panners und Freyherrn Ludwig Adolph v. Zech". Vom Hof in Dresden und vom Wiener Kaiserhof wurde er mit einer delikaten diplomatischen Aufgabe betraut. Es gab Verdächtigungen auf finanzielle Verwicklungen am Merseburger Hof und eine ehebrecherische Schwangerschaft der Herzogin Henriette Charlotte. Es ging um den Exodus einer fürstlichen Familie und um das Schicksal einer Landesherrschaft. Als Vater dieser außerehelichen Liaison kam nur der Oberhofmarschall Friedrich Carl v. Pöllnitz infrage.
Der Hofrat v. Zech sollte mit der Herzogin sprechen. Man werde die Liebschaft zwar dulden, aber es „müsse nicht so grob gemacht werden, daß Kinder daher entstehen."
Im Mai 1720 saß dann der Liebhaber Friedrich Carl v. Pöllnitz, dessen Bruder, der sachsen-merseburger Geheime Rat Moritz Wilhelm v. Pöllnitz (1676-1725), der Kanzler Christian Friedrich v. Brand und einige andere in der Festung Pleißenburg zu Leipzig in Haft. Als am 23. Juni 1720 die Herzogin Henriette Charlotte eine Tochter Friederike Ulrike zur Welt brachte, die aber am gleichen Tag verstarb, war die ganze Sache schnell erledigt. Der Herzog im Nebenzimmer hatte das Kind keines Blickes gewürdigt. Man hatte ihm weisgemacht, das kleine Mädchen hätte auf dem Rücken eine klitzekleine Geige gehabt! Die Hofbeamten und der Liebhaber wurden nach einem Eid zur Verschwiegenheit aus der Haft entlassen. Friedrich Carl v. Pöllnitz verließ Merseburg, ging auf sein Rittergut Benndorf, heiratete 1727 Johanna Eleonore v. Ponikau (1709-1772) a.d.H. Pomßen und wurde Domdechant des Hohen Domstifts von Meißen. Das Herzogspaar fuhr zu einer Kur der Henriette Charlotte nach Wiesbaden, der Schwiegervater Fürst Samuel v. Nassau wurde beerdigt. Der Versuch junge Mutter zu werden war gescheitert. Nach einem kurzen Interim mit dem alten Onkel Heinrich v. Sachsen-Spremberg fiel das Herzogtum Sachsen-Merseburg 1738 ebenfalls an Kursachsen zurück.
Übrigens erhielt der Geheime Rat Dr. Ludwig Adolph Freiherr v. Zech für seine diplomatische Glanzleistung vom Kaiser einen kostbaren Ring. Um künftige Ungereimtheiten in Merseburg zu verhindern, wurde er als Vertrauensperson August des Starken am Merseburger Hof installiert.

Literaturhinweis:
"Das Barockschloss Delitzsch" von Manfred Wilde und Nadine Kinne, Leipzig 2007

Wolfgang Schuster, Oberpöllnitz 12/2009