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Carl Ludwig Baron von Pöllnitz (1692-1775)

Schriftsteller, Diplomat und Biograf August des Starken.

Carl Ludwig v. Pöllnitz, aus dem thüringischen Adelsgeschlecht der alten Schwarzbacher Linie stammend, wurde am 25. Februar 1692 in Issum geboren. Der kleine Ort im Niederrheingebiet nahe der niederländischen Grenze gelegen, gehörte damals zum kurkölnischen Herrschaftsgebiet. Auch 1691 wird als Geburtsjahr genannt. Jedoch ist in der neueren, zuverlässigen Familienchronik das Jahr 1692 als das wahrscheinlich richtige Geburtsjahr angegeben. Früh verlor Carl Ludwig schon seinen Vater, Oberst Wilhelm Ludwig Freiherr v. Pöllnitz (1694). Er wächst am Berliner Hof auf, wo sein Vater in militärischen Diensten stand. Hier wird er erzogen und verlebt da bis 1710 seine Jugendzeit. Durch diese Erziehungsjahre wird er auch mit dem späteren preußischen König Friedrich Wilhelm I. bekannt (R.1713-1740). Später gehörte er zu dessen bekanntem „Tabakskollegium". (Siehe 1. Anhang) Auf dem vom Maler Adolf Menzel geschaffenem Gemälde ist er zusammen mit den anderen „Tabaksverehrern" gut zu erkennen.
Im Alter von 19 Jahren führten den jungen Adligen weite und ausgedehnte Reisen durch ganz Europa. Er reiste nach London, Den Haag, nach Warschau und Wien. Danach ist er auch an kleineren Höfen, wie im markgräflich-brandenburgischen Bayreuth oder auch am Merseburger Hof zu finden. (Siehe 2. Anhang) ln Weimar war er eine zeitlang Fähnrich. Auch in Braunschweig hält er sich auf. Doch er hält es überall nicht lange aus und das Reisefieber führt ihn nun nach Venedig, Rom und Sizilien. Anschließend finden wir ihn in spanischen Diensten und bald wird er Oberst in der spanischen Armee. Durch sein weltmännisches Auftreten und seine joviale Art wird er Freund und Vertrauter vieler Persönlichkeiten von Rang und Namen. Das führte auch dazu, dass er zum bestinformierten Menschen wird, der über alles, was an den Höfen Erfreuliches und auch Unerfreuliches passiert, genaueste Kenntnis erhält. Schließlich kannte v. Pöllnitz durch seine Reisen auch Amsterdam, Versailles, Paris, Prag, Venedig, Sizilien und Madrid.
Er ist Ende dreißig, als er beschließt, sein schriftstellerisches Talent ebenfalls zu verwerten, auch, weil er eine Einkommensquelle benötigte, um seine Schulden und Gläubiger zu befriedigen. Zunächst schreibt er anonym und in französischer Sprache, die er als weit gereister und weltgewandter Höfling bestens beherrscht. Sein erstes Werk befasst sich mit dem Leben und dem plötzlichen, geheimnisumgebenen Tod einer Prinzessin aus Hannover, der Herzogin v. Ahlden. 1734 erscheint seine Beschreibung über das Badevergnügen im mondänen Bad Spa im heutigen Belgien. (Siehe 3. Anhang) Dort traf sich zu "Pöllnitz-Zeiten" der europäische Adel von Welt. 1734 veröffentlichte er auch sein erfolgreichstes Werk „Das galante Sachsen". Das Buch wird ein „Bestseller" im wahrsten Sinne des Wortes. Unzählige Auflagen sind bis heute erschienen und es folgen immer wieder neue nach. Das Buch erscheint zunächst 1734 in Amsterdam, als „La Saxe galante", ebenfalls in französischer Sprache. Es findet reißenden Absatz und nicht nur in Hofkreisen. Daraufhin erscheint 1735 in Offenbach/Main die deutsche Erstausgabe des „Galanten Sachsen". Auch diese Ausgabe findet ebenso wie die in französischer Sprache erschienene Ausgabe unzählige Käufer. Hier schildert v. Pöllnitz detailreich und ausführlich nicht nur das Leben am sächsischen Hof, dem wohl prächtigsten Barockhof Deutschlands. Auch das Liebesleben August des Starken, Kurfürst von Sachsen und König von Polen (1670-1733), wird wohlinformiert und kenntnisreich an Details dem interessierten Leser zugängig. Die gekonnte und unterhaltende Erzählart des Verfassers findet immer wieder neue Anhänger.
Seine ebenfalls 1734/35 erschienenen dreibändigen „Memoiren" sind bei Weitem nicht mehr so erfolgreich als das „Galante Sachsen". Carl Ludwig v. Pöllnitz hofft, mit den „Neuen Memoiren" (Nouveaux Memoires) 1737 seinen Erfolg fortzusetzen. Doch er hat seinen Höhepunkt als Schriftsteller bereits überschritten. Der gewünschte Erfolg des zweibändigen Werkes stellt sich nicht ein. 1735 wird er vom preußischen König Friedrich Wilhelm I. zum Kammerherrn ernannt. Nach weiteren Reisen in Deutschland, wie Aachen, Köln, Düsseldorf, wird er 1740 zum Oberzeremonienmeister des nun zur Regierung gekommenen preußischen Königs Friedrich II., des Großen, ernannt (R.1740-1786). ln dieser Stellung in Berlin und Potsdam hat er genug Zeit und Muße, eine historische Abhandlung über die vier letzten Herrscher der Brandenburger der damaligen Zeitepoche zu schaffen. Begebenheiten der preußischen Geschichte und das Leben der preußischen Könige werden so zur unterhaltsamen Lektüre.
Der häufige Wechsel der Konfession findet nicht die uneingeschränkte Zustimmung Friedrich II., des Großen. Er soll v. Pöllnitz auch der Lächerlichkeit preisgegeben haben. So ließ er einem mageren Ochsen die Hörner vergolden und hängte ihm ein Schild um den Hals mit den Worten „Der Ochse Pöllnitz". Das wird uns von Ignaz Kraszewski, dem polnischen Dichter (1812-1887), überliefert, der seit 1863 in Dresden lebte. Bekannt wurde er durch seine Sachsentriologie (Gräfin Cosel, Brühl und Siebenjähriger Krieg).
Nach weiteren Differenzen mit dem Hof nimmt v. Pöllnitz 1744 seinen Abschied. Doch schon vier Monate später wird er wieder in seinem Amte als Oberzeremonienmeister bestätigt. Es wird ihm zugutegehalten, dass er die Späße, welche die übermütige Hofgesellschaft mit ihm macht, nicht übel nimmt und so ein bequemer Höfling ist, der nicht aufmüpfig reagiert. Doch von nun an verringern sich seine Aufgaben am Hofe zusehends und damit schwindet auch sein Einfluss. Seine Stellung wird immer unbedeutender. Er stirbt am 23. Juni 1775 in Berlin. Sein Tod wird kaum bei Hofe wahrgenommen. Nur sehr wenige Freunde nehmen an seiner Trauerfeier teil.
In den Jahren am Hofe Friedrich des Großen erhält er aus der Privatschatulle des Königs 1742 bis 1771 Zuwendungen in Höhe von 2628 Reichstaler, 172 Groschen und 10 Pfennige. Das entspricht bei einer Umrechnung über die Mark von 1881 einer gegenwärtigen Summe von ca. 50595,20 Euro. Zusätzlich erhält er auch noch indirekte Zuwendungen, wie z. B. die Bezahlung von Schneider- oder Handwerkerrechnungen an diese Dienstleister direkt.
Ungeachtet dessen, dass die Nachwelt sich auch kritisch mit seinem literarischen Nachlass auseinandersetzt, findet das „Galante Sachsen" immer wieder günstige Aufnahme bei den Lesern. Unzählige Neuauflagen auch in unserer Zeit beweisen es. In seinem Buch „Im Siebenjährigen Krieg" (1875 erschienen), befasst sich Kraszewski auf mehreren Druckseiten mit Baron v. Pöllnitz. Kraszewski, als historischer Schriftsteller von über 100 Werken bedeutend und als Kenner der sächsisch-polnischen Geschichte berühmt, bezeichnet v. Pöllnitz als berechnend, zeitweise charakterlos, prunksüchtig und schwatzhaft fabulierend. Nur sein ungewöhnliches, abenteuerliches Leben hält er für die Nachwelt als Lektüre erhaltenswert.
1919 setzt sich der Historiker Paul Burg wissenschaftlich mit der sächsischen Geschichte dieser Zeitepoche auseinander. Sein Buch „Die schöne Gräfin Königsmarck", 1919 bei Westermann in Braunschweig erschienen, zeichnet die Geschichte anhand wissenschaftlicher Unterlagen nach. Burg setzt sich auch kritisch mit v. Pöllnitz und dem Schweden Palmblad (1788-1852) auseinander. Palmblad hatte ebenfalls in einem 1846 in deutscher Sprache erschienenen Buch das Leben am Hofe August des Starken bearbeitet. Burg zieht die Veröffentlichungen des Baron v. Pöllnitz eindeutig gegenüber dem schwedischen Autor vor. Gleichwohl er einräumt, dass bei Carl Ludwig v. Pöllnitz ebenfalls Dichtung und Wahrheit nebeneinander bestehen, jedoch auf amüsante und unterhaltende Art uns das typische Hofleben jener Zeit vermittelt und auch die Historie nicht vergessen wird.

Quellen:
- „Das galante Sachsen", erste deutsche Ausgabe, Offenbach/Main 1735,
- „La Saxe galante", Originalausgabe von 1734, Amsterdam
(beide Ausgaben im Besitz des Autors)
- „Die schöne Gräfin Königsmark" von Paul Burg, Verlag Westermann, Braunschweig 1919
- Familiengeschichte des Geschlechtes von Pöllnitz, überreicht von Dr. Wilfried v. Poelnitz-
Egloffstein, Augsburg und Hinweise von demselben.
- Ortsnamen ... , von Rosenkranz, Greiz 1982

1. Anhang: Tabakskollegium
Das war nicht unbedingt ein intellektueller Klub, in dem vornehm, hochgeistig diskutiert wurde, sondern vielmehr eine hemdsärmlige Tischrunde hoher Militärs nach getaner Arbeit.
Zitat: "Sie dreschen Karten, sie saufen, qualmen Tabak und auf eine derbe Zote mehr oder weniger lassen sie es nicht ankommen. Ich aber muss den Hanswurst machen, muss unsinnige Fragen beantworten und mir den Hintern versohlen lassen."
Carl Ludwig v. Pöllnitz war bei dem preußischen König Friedrich Wilhelm I. der „Kurzweilige Tischrat". Der Sohn und spätere König Friedrich II. der Große, fühlte sich offenbar auch abgestoßen von der Brutalität dieser Vorgänge. Er entließ den "Kurzweiligen Tischrat", den er noch von seinem Vater übernommen hatte, mit einem sehr ironischen Arbeitszeugnis am 1. April 1744.

2. Anhang: Carl Ludwig Baron v. Pöllnitz am Merseburger Hof
Hierzu gibt es eine Veröffentlichung von Anastasius Grün "Nibelungen im Frack", Leipzig 1853. In diesem Capriccio findet sich auch der Titel: "Der berühmte Chevalier von Pöllnitz am Merseburger Hofe".
Dazu heißt es in einer Rezension: "Dass die Rolle, die das Gedicht dem Chevalier von Pöllnitz zuwies, dessen historischem Charakter nicht widerspreche, wird jeder zugeben, der sein Leben aus dem ihm vom Preußenkönig Friedrich II. ausgefertigten Abschiedsdiplome kennt."

3. Anhang: Literarische Bade-Szene
Die Bademagd als freudige Überraschung - so wie es Carl Ludwig Baron von Pöllnitz erlebte und 1732 erstmals veröffentlichte.

Danke dem Deutschen Taschenbuchverlag in München (Abt. Klassik) für die freundlichst gewährte Erlaubnis, das mutmaßliche Porträt des Barons Carl Ludwig v. Pöllnitz und das Bildnis der Tafelrunde in dem Beitrag zu verwenden.

Autor des Originalbeitrages war Herr Eberhard Hetzer aus Triptis, gest. Okt. 2009.

Originaltext wurde von mir erweitert und mit Anhang ergänzt!
Wolfgang Schuster, Triptis/Oberpöllnitz 2/2005 - akt. 9/2009

Quellen:
- „La Saxe galante", Originalausgabe von 1734, Amsterdam (Privatbesitz)
- „Schnorrer beim Alten Fritz“, Manfred Hanke, Stuttgart 1996
- „Abhandlung und Versuch“, Leopold v. Ranke, Berlin 1872
- Schatullerechnungen Friedrich des Großen

 

Carl Ludwig Baron v. Pöllnitz

1692 - 1775
Bildquelle: Entnommen aus "Lettres et Memoires du Baron de Pöllnitz" , Amsterdam 1737 (Privatbesitz)

 

Das Tabakskollegium am Preußischen Hof

König Friedrichs II. Tafelrunde in Sanssouci.
Ölgemälde auf Leinwand von Adolph Menzel
(1815-1905), 1849 / 50 , 204 x 175 cm,
ehemals Berlin, Nationalgalerie. Seit 1945
verschollen. Reproduziert nach Hugo von Tschudi.

 

Carl Ludwig Baron v. Pöllnitz,
nach einem Gemälde von Joachim Martin Falbe (Privatbesitz)